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In tiefer Trauer um den Kollegen, der sich sehr für die koreanische Germanistik engagiert hat und sie zum Wohle zukünftiger Wissenschaftlergenerationen auch unter Einsatz privater Vermögensmittel gefördert hat.

Im Gedenken an Seon Gwang [善光], Professor Dr. Kim Byong Ock 

 
Ahn Mun Yeong, Prof. em. der Staatlichen Universität Chungnam (DAAD-Alumnus)

Gyosu Shinmun (Professorenzeitung) Seoul, 23.04.2015

Der Vorsitzende des Stiftungsrates des Instituts für Übersetzungsforschung zur deutschen und koreanischen Literatur und emeritierte Professor der Yonsei-Universität Kim, Byong Ock ist am vergangenen 19. März abends im 85. Lebensjahr von uns gegangen. Mit dem Heimgang von Seon Gwang Kim, Byong Ock haben wir Germanisten zu unserem Bedauern eine richtungsweisende Persönlichkeit verloren. Der Wissenschaftler hat sich als Rilke-Forscher und als Präsident der Koreanischen Gesellschaft für Germanistik zwar viele Verdienste erworben, aber in diesem Nachruf soll nur auf zwei wichtige Aspekte zurückgeblickt werden.

Erstens: Professor Kim hat mit seinen privaten Mitteln das "Institut für Übersetzungsforschung zur deutschen und koreanischen Literatur" als Stiftung gegründet (1992) und danach fast ein Vierteljahrhundert lang regelmäßig wissenschaftliche Tagungen oder internationale Symposien veranstaltet, den Übersetzerpreis zur deutschen und koreanischen Literatur ins Leben gerufen (1994), das (koreanische) Fachwörterbuch zur germanistischen Terminologie erarbeiten und veröffentlichen lassen (2001) und schließlich die Herausgabe eines neuen koreanisch-deutschen Wörterbuchs in Angriff nehmen lassen (seit 2006). Durch diese unermüdlichen Bemühungen hat er unsere Aufmerksamkeit darauf gerichtet, dass eine systematische Übersetzungstheorie und eine angemessene Übersetzungskultur bei uns Fuß fassen sollten, und dafür auch wertvolle Maßstäbe aufgezeigt. Dieses Wirken von Professor Kim hat seine Wurzeln wohl in seiner kritisch reflektierten Kenntnis "des historischen Hintergrunds, insbesondere der Tradition der Übersetzung aus zweiter Hand und der Imitation, die seit der sog. Zeit der Aufklärung aufgekommen war". [Damit ist in Korea der Zeitraum von kurz vor 1900 bis zu den 20er Jahren des 20. Jhs. gemeint, also die Zeit, in der man in Korea damit begann, westliche Kulturgüter, meist durch Vermittlung Japans, zu rezipieren.] Die während seiner Wirkungszeit kaum einmal ausgefallenen Symposien und die Prüfung der insgesamt 23 aus dem Deutschen übersetzten Werke für den Übersetzerpreis können in ihrem Verlauf wohl als Fortsetzung dieser kritischen Haltung gesehen werden. Und wenn er darüber hinaus als letztes Ziel des Instituts für Übersetzungsforschung anführt, einen Beitrag zur Entfaltung einer eigenständigen modernen koreanischen Kultur leisten zu wollen, so bedeutet dies, dass es ihm nicht nur um die Übersetzung ging, sondern auch um die wissenschaftliche Rolle der koreanischen Germanistik, die sich nicht mehr damit begnügen darf, sich nur mit der deutschsprachigen Literatur zu befassen.

Zweitens: Mit dem Institut für Übersetzungsforschung zur deutschen und koreanischen Literatur hat Herr Professor Kim vor allem auch das Fundament gelegt für eine friedliche Verständigung zwischen den Germanisten der vier Länder China, Japan, Korea und Deutschland. Wenn heutzutage alle zwei Jahre abwechselnd in einem der drei ostasiatischen Länder China, Japan, Korea eine große asiatische Germanistentagung stattfindet, so ist es eine historische Tatsache, dass die guten menschlichen Beziehungen zwischen Herrn Professor Zhang, Yushu von der Beijing-Universität, Herrn Professor Kimura, Naoji von der Sophia-Universität in Tokyo und Herrn Professor Kim, Byong-Ock seit Ende der 80er Jahre den Grundstock dazu gelegt haben. Wenn man die Situation bedenkt, dass die diplomatischen Beziehungen zwischen diesen drei ostasiatischen Ländern in der aktuellen politischen Lage weiterhin in gefährlichen Problemen stecken, dann muss man die Anstrengungen dieser drei Personen und ihre humanitäre Leistung für Ostasien, nämlich die völkerverbindende und friedensstiftende Funktion als ein Wesensmerkmal der Germanistik herausgestellt und dadurch gegenseitiges Verständnis und menschliche Bindungen vertieft zu haben, für lange, lange Zeiten im Gedächtnis bewahren.

Dabei hat sich vor allem Herr Professor Kim durch den Umstand, dass die regelmäßigen Symposien des Instituts für Übersetzungsforschung zur deutschen und koreanischen Literatur dieses gegenseitige Verständnis sozusagen institutionalisiert haben, besonders hervorgetan. Hier seien noch weitere Fakten genannt. Als Kuratoriumsmitglied der unter der Schirmherrschaft des deutschen Bundeslandes Baden-Württemberg stehenden wissenschaftlichen Vereinigung Deutsch-ostasiatisches Wissenschaftsforum hat Herr Professor Kim dort die koreanischen Geisteswissenschaften vertreten (1996-2006), vom Präsidenten der Bundesrepublik Deutschland wurde ihm das Verdienstkreuz am Bande des Verdienstordens der Bundesrepublik verliehen (1997), von der Alexander von Humboldt-Stiftung erhielt er die Humboldt-Medaille (1997) und die Werner von Heisenberg-Medaille (2007), dies beweist, dass sein Wirken auch international Anerkennung gefunden hatte.

In seinen letzten Jahren war das Leben von Seon Gwang Kim, Byong Ock vom mühsamen Kampf gegen Krankheiten geprägt. Getragen von der aufopfernden Pflege seiner Ehefrau Edeltrud Kim, einer emeritierten Professorin der Ewha-Frauen-Universität, und von seinem unbeugsamen Willen, die Krankheit doch noch zu besiegen, hat er sich stets darum bemüht, die Folgen seiner Krankheiten zu überwinden, was viele Menschen tief beeindruckt hat. Diese Haltung beweist auch der Umstand, dass er in seiner Leidenszeit 26 Freunden und Mitarbeitern ein Rollbild mit seiner Kalligraphie eines Sprichworts in chinesischen Zeichen geschenkt hat. Erstaunlicherweise war dies das Ergebnis von rund drei Monaten Übungen im kalligraphischen Schreiben mit dem Pinsel, mit dem er im Rahmen seiner Rehabilitationsbemühungen neu begonnen hatte. Aber es ging ihm nicht einfach darum, seine Schreibkunst zu demonstrieren, es war ihm vielmehr ein inneres Bedürfnis, den Sinn dieses Sprichworts "Gute Taten haben ihren Lohn" [福緣善慶] als seine Maxime bekannt zu machen. Damals (2013) hatte er einen beträchtlichen Teil seines restlichen Vermögens großzügig für die Finanzierung der Gründung des Saem-Schülerhortes benutzt. Er war kinderlos, und indem er sein Interesse, Kindern aus schwierigen Verhältnissen zu helfen, in die Tat umsetzte, hat er uns zugleich die Aufgabe hinterlassen, ernsthaft über die gesellschaftliche Verantwortung der Germanisten nachzudenken.

Wenn man Seon Gwang Kim, Byong Ock gedenken will, dann ist das, was man weniger als alles andere vergessen kann, eben dies, dass er im Unterschied zu anderen echtes Interesse für die zukünftigen Wissenschaftlergenerationen hatte und sie auch wirtschaftlich unterstützte. In einer Zeit, in der sich die meisten traditionellen Germanisten mitten in dem als Krise empfundenen universitären Abbau der Geisteswissenschaften hilflos fühlen, vermissen wir schon jetzt um so mehr die Gestalt des einen, der seine nicht dringend notwendigen Vermögensmittel einsetzte, um vielen jungen Wissenschaftlern zu helfen und die koreanische Germanistik voranzubringen.

Autor: Ahn Mun Yeong, Prof. em. der Staatlichen Universität Chungnam, Leiter des Instituts für Übersetzungsforschung zur deutschen und koreanischen Literatur.

http://www.kyosu.net/news/articleView.html?idxno=30794

 
 
 

DAAD-Alumna Younghi Pagh-Paan: Komponistin und preisgekrönte Pionierin

 
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Younghi Pagh-Paan: "Wir warten nicht, bis uns jemand anruft, sondern gehen raus und nehmen aktiv am musikalischen Leben der Gesellschaft teil"
 
Eines der bedeutendsten Festivals für Gegenwartsmusik, die Donaueschinger Musiktage, beauftragte Younghi Pagh-Paan 1979 mit der Komposition für ein Orchesterwerk. Ihre Komposition „SORI“ („Stimme, Klang, Ruf“)  wurde im Jahr 1980 uraufgeführt und markierte ihren internationalen Durchbruch als Komponistin. 1994 erhielt sie als erste Frau im deutschsprachigen Raum eine Professur für Komposition. An der Hochschule für Künste Bremen lehrte Younghi Pagh-Paan bis zur ihrer Emeritierung 2011. Die Stadt Schwäbisch Gmünd ehrt die DAAD-Alumna nun für ihr Wirken als Professorin und Komponistin mit dem Preis der Europäischen Kirchenmusik 2015.
 

Frau Pagh-Paan, als DAAD-Stipendiatin haben Sie von 1974 bis 1979 an der Musikhochschule Freiburg Komposition, Musiktheorie und Klavier studiert. War Ihnen damals schon klar, dass Sie Komponistin und freischaffende Künstlerin werden wollen?

Younghi Pagh-Paan: Oh nein, eine Komponistin zu werden, hängt nicht von dem eigenen „Wollen“ ab. Ich wollte eigentlich nur mein Diplom machen und dann nach Korea zurückkehren, um dort Musik zu unterrichten. Dass ich dann den Kompositionsauftrag für Donaueschingen bekam, war schicksalhaft. Zuvor hatte ich 1977 den ersten Preis beim Komponistenseminar in Boswil in der Schweiz gewonnen. Der damalige Leiter der Donaueschinger Musiktage, Josef Häusler, ist dadurch auf mich aufmerksam geworden. In der 59-jährigen Geschichte der Donaueschinger Musiktage war ich die erste Frau, die den Auftrag für ein solches Orchesterwerk bekommen hat. Frauen sind in der Musik eher als Sängerinnen oder Instrumentalistinnen vorgesehen. Dirigat und Komposition oder auch Professuren für Komposition haben hingegen eine männlich geprägte Tradition. Das ist heute schon viel besser geworden, aber damals sagte man, dass ich so etwas wie eine Pionierin sei. Das Stipendium in Deutschland war eine große Chance für mich. Ich habe diese Chance wahrgenommen und immer fleißig und hart gearbeitet. Ohne den DAAD wäre ich heute eine Musiklehrerin und wahrscheinlich eine Großmutter in Korea.

Man sagt von Ihrer Musik, dass sie koreanische Tradition und westliche Techniken vereine. Woher kommt Ihr Impuls zu komponieren?

Aus der Liebe zur Musik, und ich habe darüber manches zu erzählen. Ich habe schon mit 13 Jahren angefangen, zu komponieren. Ich war elf Jahre alt, als mein Vater gestorben ist. Die intensive Beschäftigung mit Musik – Klavierspielen und das Vertonen von Gedichten – war für mich sehr wichtig. So konnte ich meine Gefühle in Musik verwandeln. Man bezeichnet mich oft als Brückenbauerin zwischen koreanischer und westlicher Musik. So würde ich mich nicht nennen. Natürlich bin ich einerseits geprägt von der musikalischen Tradition meiner koreanischen Heimat und andererseits von der Auseinandersetzung mit westlicher Musik. In meiner Arbeit verbinde ich gerne kulturelle und geistige Werte beider Kulturen, bei denen ich etwas Gemeinsames, Übergeordnetes erkenne. Aber ich imitiere nicht, sondern schaffe etwas Neues, neue Klänge, eine neue und einzigartige musikalische Sprache.

Haben Sie sich bewusst der Kirchenmusik zugewandt oder würden Sie sich grundsätzlich als spirituellen Menschen bezeichnen und keinen Unterschied zwischen geistlicher und weltlicher Musik machen?

Das Zweite trifft auf mich zu. Ich bin keine Kirchenmusikerin und spreche eher davon, geistliche Inhalte zu musikalisieren. Wenn ich komponiere, muss ich dem Werk eine Form geben. Dafür brauche ich Texte. Ich lese sehr gerne Lyrik, beschäftige mich aber auch mit philosophischen und geistlichen Schriften. Für die Verleihung des Preises der Europäischen Kirchenmusik schreibe ich gerade an einem A-cappella-Stück für die Gruppe „Singer Pur“. Dafür vertone ich die Psalmen 36 und 150. Das verbinde ich mit dem vierten und achten Spruch aus der Sammlung des Daodejing, die dem chinesischen Philosophen Laotse zugeschrieben wird. Darin geht es um das Wesen von Wasser als höchstes Gut. Der Grundgedanke, der diesen Texten unterschiedlicher Herkunft zugrunde liegt, ist für mich „Demut“. Wie komponiert man Demut? Demut musikalisch fassbar zu machen, das ist meine Aufgabe.

Für einen Künstler ist es wichtig, dass seine Werke auch von der Öffentlichkeit wahrgenommen werden. Achten Sie bei der Besetzung einer Komposition bereits darauf, ob sie realisierbar ist?

Ja, das tue ich. Ich hatte Glück, dass ich immer Aufträge für Kompositionen bekommen habe und somit sicher sein konnte, dass meine Musik aufgeführt wird. Nur für die Schublade zu komponieren, ist sehr traurig. Als Professorin an der Hochschule für Künste Bremen habe ich deshalb das Atelier Neue Musik gegründet. „Atelier“ ist ein international verständlicher Begriff und betont den Werkstattcharakter. Das Atelier Neue Musik ist für die Studierenden eine Möglichkeit, Werke zu schreiben und diese einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Ich habe meinen Studenten erklärt, dass das zu ihrer zukünftigen Rolle gehört: Wir warten nicht, bis uns jemand anruft, sondern gehen raus und nehmen aktiv am musikalischen Leben der Gesellschaft teil.

Interview: Claudia Wallendorf (9. Februar 2015)

WEITERE INFORMATIONEN

„Preis der Europäischen Kirchenmusik“: Ehrung für eine außergewöhnliche Künstlerin

Younghi Pagh-Paan wurde 1945 in Cheongju, Südkorea, geboren. Von 1965 bis 1971 studierte sie an der Seoul National University, bis sie durch ein Stipendium des DAAD nach Deutschland kam. An der Musikhochschule Freiburg studierte Younghi Pagh-Paan ab 1974 bei Klaus Huber (Komposition), Brian Ferneyhough (Analyse), Peter Förtig (Musiktheorie) und Edith Picht-Axenfeld (Klavier) und schloss ihr Studium 1979 ab. Sie erhielt eine Vielzahl internationaler Auszeichnungen und wurde 2009 zum Mitglied der Berliner Akademie der Künste gewählt.

Mit dem Preis der Europäischen Kirchenmusik werden seit 1999 Interpreten und Komponisten für wegweisende Leistungen im Bereich der Geistlichen Musik ausgezeichnet. Zu den bisherigen Preisträgern zählen unter anderen die Komponisten Sofia Gubaidulina, Arvo Pärt und Krzysztof Penderecki, der Dirigent Helmuth Rilling, der Kammersänger Peter Schreier und der Thomanerchor Leipzig. Der Preis wird am 22. Juli 2015, während des Festivals Europäische Kirchenmusik (17. Juli bis 9. August), verliehen.